Positionen

Klinisch digital

Lisa Krammel (*1988) im Gespräch mit der Regisseurin Ana Zirner (*1983), die sich neun Monate lang rigoros selbst getrackt hat. Wohin führt das? Im Interview spricht sie über Privatsphäre, Selbstvermessung und Diskrepanzen in der Kommunikation.

»Wir haben immer mehr Geräte, die mit dem Internet verbunden sind. Viel mehr Menschen haben heute Smartphones oder smarte Uhren am Handgelenk, Haushaltsgeräte gehen online. Dadurch entstehen immer mehr Daten, bei denen sich Firmen oder Regierungen bedienen können, um unser Verhalten zu vermessen und uns zu observieren. Wohin gehst du zum Arzt, wo wird dein Auto repariert, wo zahlst du eine Hotelrechnung? All diese Häppchen bedeuten für sich allein noch nicht viel, aber sobald diese Dinge in Datenbanken vernetzt werden und sobald sich dieser Prozess automatisieren lässt, wird es gefährlich. Wir haben das erschaffen, ohne uns dessen bewusst zu sein.«
(Edward Snowden)

Die Auswertung all dieser Daten ist gefährlich, widerspricht dem Menschenrecht auf Privatsphäre und ist für den oder die einzelne extrem unangenehm, wie die Regisseurin Ana Zirner bei ihrer Selbstrecherche schonungslos erfahren hat. Während viele von uns unbewusst auf große Teile unserer Privatsphäre verzichten, hat Ana Zirner das für die Recherche zum Theaterprojekt Privacy neun Monate lang bewusst gemacht. Über eine Webseite war es möglich, mitzuverfolgen, wo sie sich aufhält, was sie isst, mit wem sie kommuniziert und sich trifft, wann und wie viel sie schläft, wie viel Sport sie macht und so weiter. Sie war schockiert von dem Gefühl, das blieb, wenn andere alles über einen wissen; bzw. denken, alles zu wissen.

LÜCKE Während deiner Recherche warst du oft alleine in den Bergen unterwegs und über deinen Blog konnten die Leute live verfolgen, wo du gerade bist. Gab es Situationen, in denen du gedacht hast, du müsstest heute eigentlich noch mehr Leistung bringen, obwohl du lieber die schöne Umgebung genossen hättest?

Ana Zirner Doch klar, permanent. Das war schon so.

LÜCKE Was hast du dann gemacht? Bist du weiter gelaufen?

Ana Zirner Ja. Aber auf der anderen Seite war es meistens so, dass mir das eh Spaß gemacht hat. Ich mache das ja auch ohne ein Messgerät. Aber nachdem ich die Uhr abgenommen und das Google-Telefon ausgeschalten habe, waren die ersten Wochen schon krass. Da gab es total bescheuerte Situationen. Ich fahre grundsätzlich nicht mit der Rolltreppe und seit dem Projekt aber umso weniger. Und einmal bin ich eine Treppe hochgelaufen und hab im zweiten Stock gemerkt: Scheiße, diese ganzen Stufen sind echt umsonst. Da ist jetzt keiner, der die Stufen zählt. Es ist absurd zu denken, dass die Stufen mehr Wert hatten, als sie noch gezählt worden sind.

LÜCKE Wie viele Leute haben dich denn über den Blog verfolgt?

Ana Zirner Das ist gar nicht so der Punkt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wir hatten einen Zähler auf der Webseite, aber ich wollte es gar nicht so genau wissen. Wenn es zu wenig gewesen wären, hätte ich es scheiße gefunden, und wenn es zu viele gewesen wären, hätte ich es wahrscheinlich auch scheiße gefunden. Es geht mehr darum, mit sich selbst Wettbewerb zu machen. Ich glaube, das geht vielen Leuten so. Seine eigene Leistung zu steigern, macht schon Spaß.

Ana lässt für die Recherche ihre körperliche Fitness vermessen. Screenshot aus einer Dokumentation im BR von Roland Schenke.

LÜCKE Du sagst, die Recherche hat dich am Ende persönlich sehr belastet. Was war daran so schlimm für dich?

Ana Zirner Wir haben als Teil der Recherche in München und in Hannover auf Festivals eine Performance gemacht. Dort wurde live auf der Bühne aus meinem Parship-Profil vorgelesen, ohne dass ich vorher wusste, was kommen wird. Das war eine sehr bewusste Auseinandersetzung mit einer ganz brutalen Konfrontation in der Öffentlichkeit. Ich saß auf der Bühne, die Dramaturgin Martina Missel hat moderiert und es gab zwei Tänzer, die mich live auf der Bühne spontan interpretiert haben. Das war ganz schön heftig, weil diese Leute mich sehr gut kennen. Martina hat Dinge über mich erzählt und mich immer wieder Informationen über mich vorlesen lassen. In Hannover war das ziemlich arg, weil die Zuschauer voll drauf eingegangen sind. In München hatten Martina und ich beide Angst davor, was passieren wird und waren sehr vorsichtig. Als Reaktion darauf wollten wir beim nächsten Mal wirklich komplett ins Gegenteil gehen und überhaupt nicht vorsichtig sein, also wirklich an die Grenze gehen. Ich wollte spüren, wo die Grenze ist. Ich wollte wissen, warum mir Privatsphäre wichtig ist. Ganz physisch. Und das hat in Hannover funktioniert. Martina erzählte, seit wann ich Single bin und warum. Sie fragte die Zuschauer, was sie noch wissen wollen. Ich saß alleine im Spot auf einer Couch vor diesen ganzen Zuschauern. Die haben sich zum Teil weit aus dem Fenster gelehnt mit ihren Fragen. Das war ziemlich krass. Am Ende hat Martina gefragt, wer von den Zuschauern mich zu einem Abendessen mit seinen besten Freunden mitnehmen würde. Zwei Leute, die ich nicht gesehen habe, haben sich bei Nein gemeldet. Die haben das auch sehr offen begründet. Eine ältere Frau antwortete: »Das ist einfach eine andere Generation, das wäre total seltsam.« Das fand ich irgendwie sehr schön, das ist auch ehrlich. Aber so ein Typ, der ein paar Jahre älter war als ich, sagte: »Die ist so perfekt, das macht mir Angst.« Man kann das vielleicht als Kompliment auffassen, aber es war komplett das Gegenteil und richtig schlimm für mich. Das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Es war beängstigend, dass dieses Mich-Normieren anscheinend so gut funktioniert hat, zumindest in der Präsentation nach außen. So gut, dass ich eigentlich unnahbar wurde. Doch ich weiß, dass ich nicht perfekt bin, überhaupt nicht.

Mia, Finn und Smart von einer Wärmebildkamera aufgenommen, Foto: Ana Zirner

LÜCKE Was bedeutet denn nun Privatsphäre für dich?

Ana Zirner Der Charakter, der einen Menschen ausmacht, ist nicht messbar. Das habe ich sehr deutlich gespürt und das hat für mich etwas mit Privatsphäre zu tun. Es bedeutet, dass die ganzen Facetten, die hinter den Messungen verborgen bleiben, besonders wichtig sind und uns ausmachen.

LÜCKE Also irgendwie hast du gemerkt, dass das Selbstvermessen und die Sammlung von Daten und deren Auswertung einfach nicht wiedergeben, wer du wirklich bist. Damit konntest du dich nicht identifizieren?

Ana Zirner Nein. Ich kann mich damit identifizieren und das ist eher das Problem. Das bin ich, aber was bin ich denn noch? Vielleicht beängstigt es mich eher, wie gut das Vermessen funktioniert. Selbst ich als reflektierter Mensch, der nicht ganz blöd ist, habe das Gefühl: Das bin ich. Aber was bin ich denn eigentlich noch? Mir reicht das nicht aus, weil ich dadurch fast das Gefühl dafür verliere, wer oder was ich eigentlich noch bin. Das radikalste Resultat aus dem Projekt ist das Gefühl, das wiederfinden zu müssen, was ich außer meiner digitalen Kopie noch bin. Das ist gar nicht so einfach. Welche Facetten machen mich aus, abgesehen von allem, was da gemessen wurde?

LÜCKE Aber es geht dir nicht darum, dass du manche Sachen lieber für dich behalten würdest und nicht willst, dass andere etwas über dich erfahren, oder? Sondern du findest, dass die Messmethode nicht die Richtige ist.

Ana Zirner Nein. Dieses Argument, das alle immer anbringen, von wegen »Ich habe nichts zu verbergen«, ist faktisch vielleicht richtig. Aber auch wenn wir nichts zu verbergen haben, müssen wir nicht wollen, was momentan mit uns passiert. Ich würde immer noch sagen, ich habe nichts zu verbergen, in einem Sinn wie: Ich habe keine Steuern hinterzogen. Aber das heißt nicht, dass ich deshalb alles über mich veröffentlichen würde. Ich glaube, da ist eine noch immer weit verbreitete Diskrepanz im Bewusstsein, eine Unklarheit über die Aussage, man hätte nichts zu verbergen. Wenn man »Ich habe nichts zu verbergen« konsequent weiterspinnt, dann merkt man irgendwann, dass es nicht stimmt. Besonders spürbar wird das, wenn man absichtlich nichts verbirgt, wie ich während meiner Recherche. Dabei geht es nicht um einzelne Informationen, denn da habe ich wirklich nichts zu verbergen. Es geht um die Gesamtheit der Transparenz und das Gefühl, das dadurch ausgelöst wird. So akkurat die einzelnen Daten über mich sein mögen, so sehr sie den Anschein einer Vollständigkeit erwecken mögen und so einfach es scheint, daraus Schlüsse über meine Persönlichkeit zu ziehen: Die Daten können mir niemals gerecht werden. Denn jeder Mensch ist immer komplexer als die Summe seiner Daten. Insofern würde ich jetzt sagen: Ja, ich habe etwas zu verbergen, und das was ich verbergen will, entsteht aus der Summe meiner Daten. Weil die Summe meiner Daten mit den Fotos auf meinem Handy anfängt, muss ich mir darüber Gedanken machen, wie ich mit ihnen umgehe und wie ich sie schützen kann. Wir müssen uns der Bedeutung unserer Daten bewusst werden. Mir ist klar geworden, dass digitale Privatsphäre ebenso wichtig ist wie analoge.

Mia und Finn nach ihrem ersten Sex im Chat, Foto: Rainer Ludwig

LÜCKE Privacy ist ja eigentlich ein Tanzprojekt. Wie bewegen sich die Figuren im digitalen Leben? Anders als im echten Leben?

Ana Zirner Also, es gibt die Figur Smart. Sie steht zwischen dem Paar Mia und Finn, das sich online kennengelernt hat. Smart wird vom Choreograph selbst gespielt und er hat zusammen mit den beiden anderen Performern ein Bewegungskonzept entwickelt. Jeder von den beiden Performern hat als Bewegungsablauf eine eigene tägliche Routine, die zur Figur passt. Somatische Choreographie nennt sich das, wenn man Emotionen in Bewegungen übersetzt. Wenn sie miteinander kommunizieren, dann kommunizieren sie miteinander über Smart. Sie berühren Smart tatsächlich physisch, indem sie tippen und swipen und das macht verschiedene Dinge mit Smart. Für ihn ist das, glaube ich, auch eine krasse Herausforderung, weil er sich eben nicht selbstständig bewegt. Er kann nur das machen, was ihm als Impuls gegeben wird. Die Impulse sind nicht festgelegt. Es ist nicht so, dass wir den kompletten Abend durchchoreographiert haben, sondern es ist eigentlich zu 80% improvisiert. Das heißt, Smart reagiert nach einem bestimmten Muster.

LÜCKE Auch auf das Publikum?

Ana Zirner Auch auf das Publikum. Wenn sich jemand traut, ihn anzufassen. Und das kommt schon auch vor. Im Digitalen sind die Bewegungen insgesamt sehr kühl. Sie wirken auf eine Art sehr einsam. Das Bewegungsspektrum ist nicht impulsiv, es ist zwar emotional, aber es ist emotional innerhalb einer Norm. Bei den Live-Begegnungen gibt es gar keine Vorgaben, außer den räumlichen Positionen. Aber da sind die Performer körperlich sehr viel unbeholfener, weil sie eben menschlicher sind. Die Choreographie des Digitalen hat immer etwas Ästhetisches oder Ästhetisiertes, irgendwie gesetztes, und die Live-Begegnungen haben immer etwas Unbeholfenes und Stolpriges.

Mia und Finn treffen sich außerhalb des Internets, Foto: Rainer Ludwig

LÜCKE Ich habe früher alle meine SMSn abgeschrieben, weil ich auf meinem Handy nicht so viele speichern konnte. Das schaue ich mir immer wieder gerne an und finde es schön, wie viel oft in so einem kurzen Text steckt. Dabei frage ich mich, ob der oder die andere wirklich versteht, was ich mit meinen Nachrichten meine. Wenn man sich gegenseitig nicht sieht, ist es so schwer zu entschlüsseln, was gemeint ist. Einfach, weil das Gesicht dazu fehlt.

Ana Zirner Genau, das ist sehr spannend an der Kommunikation im Digitalen. Das ist eine komplett andere Art zu kommunizieren. Das versuchen wir im Stück dadurch deutlich zu machen, dass die Zuschauer die Texte nicht vorgelesen bekommen. Denn sobald du eine Stimme hast, entsteht ein Charakter. Solange jeder Zuschauer selbst liest, werden unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Es hat mir total gefallen, in der Vorstellung den Zuschauern beim Lesen zuzugucken. Weil sichtbar wird, wie jeder eine Nachricht anders interpretiert. Der eine liest sofort Ironie rein oder checkt, dass die Nachricht nicht ehrlich gemeint ist, ein anderer hält sie für ehrlich. Aber auch das kann man nicht immer so genau wissen. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich, denn Sprache ist so vieldeutig. Dazu gehört Ironie und alles, was emotional ist. Darin steckt eine Qualität und gleichzeitig eine Gefahr. Das wollten wir durch die Choreographie auch deutlich machen: Er sagt das erste Date ab und sie sagt: »Jaja klar, kein Problem«. Du siehst ihr aber körperlich an, dass es ihr den Boden unter den Füßen wegzieht, dass sie enttäuscht und traurig ist. Sie sagt aber: »Jaja klar, kann ich wegen Arbeit verstehen, ich kenn ja so eine Situation«. Da ist eine Diskrepanz zwischen dem, was wir sagen und dem, was wir eigentlich fühlen. Ich glaube, es ist eine große Herausforderung oder wahrscheinlich sogar unmöglich, eins zu eins zu schreiben, was man wirklich denkt und empfindet.

LÜCKE Es ist ja so schon schwer, wenn man sich unterhält.

Ana Zirner Ja, aber wenn man sich unterhält, gibt es den Gesichtsausdruck und die Stimme dazu, die ganze Körpersprache und so viele andere Details und Facetten. Und das ist nicht reproduzierbar. Letztendlich geht es darum, sich bewusst zu machen, was in der Kommunikation mit anderen passiert.

 

 

 

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Das Interview führte Lisa Krammel.

Ana Zirner (*1983) lebt in München. Sie ist Theater- und Filmregisseurin.

Lisa Krammel (*1988) lebt in München. Sie ist Ingenieurin und Technikphilosophin.

 

Bisher gibt es noch keine konkreten Termine für eine Wideraufnahme von Privacy, da finanzielle Mittel fehlen. Termine für weitere Aufführungen werden auf der Website www.satellit-produktion.de bekannt gegeben.

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