Diskurs

Ein grün blondiertes Kippmoment

So klingt die Gegenwart. Frank Oceans blond ist ein Fanal für die Kunst im Zeitalter des Gespenster-Pop. Eine Rezension von Johannes Hertwig (*1984).

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I

blond beginnt mit vocodierter Heliumstimme und cloudigen Rhodes. Die halbe Popwelt wartet also 1532 Tage auf das Nachfolgealbum zu Channel Orange (2012), auf die Rückkehr dieser besonderen Stimme, und dann gibt Frank Ocean die Micky Maus und lässt sein Publikum noch 3 Minuten länger warten, bevor er mit dem Outro von Nikes das perfekte Intro für blond schafft. Dieses Prinzip der Inversion zieht sich durch ein Album, das keine Radio-Hits aneinanderreiht, das weniger Sgt. Pepper denn White Album ist. Doch was vielerorts bemängelt wurde, ist seine eigentliche Stärke.

blond ist nicht zum Nebenbeihören gemacht oder als schnelle Endorphinschleudermaschine. Hier ist Ocean ganz Vertreter der Party-Hauntology. In ihr sieht der Pop-Theoretiker Mark Fisher in seinem lesenswerten, wenn auch etwas zu kulturkritischen Essayband Gespenster meines Lebens (Edition TIAMAT, 2015) ein soundgewordenes Abbild der Gegenwart: Gebrochene, verfremdete Stimmen, Auto-Tune, lückenhafte Beats, Stille, Rückzug aufs Ich und Leere als Widerhall von Melancholie und Depression, hervorgerufen von der Informationsüberflutung und den damit einhergehenden Momenten des Scheiterns. Dieses Vage, Unkonkrete und Fehlerhafte, das auch den Sound und Inhalt von blond prägt, ist die Inversion der kalkulierten Hochglanz-Emotionalität von Charts- und Reality-TV-Pop. Die Antipode zu einer Tendenz, »den Hörerinnen und Hörern so schnell und so offenkundig wie nur möglich ihre Sound-Rendite auszuzahlen«, wie Daniel Barrow in einem Essay für das Webzine The Quietus analysierte. Hooks, Chorus und Melodie werden »cartoonmäßig aufgeblasen und überbetont« so zu Ohrwurm-Tyrannen, die funktionieren wie die Bild-Zeitung oder, so meint Mark Fisher, wie Internetpornographie. Ziel ist die schnellstmögliche Befriedigung, ein Kultur-Quickie. Genau diesem Fast Food-Pop-Verhalten stellt sich Frank Ocean nun mit voller Macht entgegen.

II

Man muss sich blond, das fast ohne Beats auskommt, erarbeiten wie D’Angelos Black Messiah (2014), Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly (2015), Kanye Wests The Life Of Pablo (2016), James Blake, Bon Iver oder Radiohead. Und genau zwischen eben diesen Koordinaten, zwischen schwarzer Protestmusik und abstraktem Pop fliegt Frank Ocean mit minimalistischem Avantgarde-R&B sehr smooth durch ein Album, aus dem man gar nicht mehr aufwachen möchte. Es ist ein Bildnis des Musikers als Künstler. Das Album, aber auch die Inszenierung um den Release herum, ist explizit als Kunstwerk angelegt und will auch so behandelt werden – auch wenn das vielleicht etwas länger dauern mag.

Nach mehrmaligem Hören fragt man sich jedoch schnell, wie all die Hits nicht sofort auffallen konnten. Nikes ist das bereits erwähnte Vocoder-Massaker, das sich bäumt und wendet, bis es schlussendlich kippt. Hier findet sich auch eine der wenigen dezidiert politischen Zeilen. Ocean erinnert an Trayvon Martin, den afroamerikanischen Jugendlichen, der 2013 in Sanford, Florida grundlos von einem weißen Amerikaner erschossen und so zur Symbolfigur der Black Lives Matter-Bewegung wurde: »That nigga looks just like me«. Dieser Rückbezug zeigt jedoch, dass die Kunst Frank Oceans eine persönlich ausgerichtete ist. Das Politische liegt im Privaten, die Idee vom post-heroischen Mann in den verklausulierten Lyrics. Der bereits erwähnte Rückzug ins Ich wird zum politischen Mittel.

In Pink + White werden die Hörer in die 90er-Jahre entführt. Als hätte Rick Rubin all den unnötigen Bombast von einem Westcoast-R&B Stück genommen. Auch Ivy verfolgt dieses Prinzip absoluter Reduktion auf das Wesentliche, gebaut um ein kleines Westcoast-Gitarren-Sample, das mehr wert ist als jeder Topproduzent aus dem EDM-R&B der Charts. Überhaupt spielen Gitarren eine große Rolle auf blond. Sie bilden Melodie-Samples, liegen yacht-poppig im Hintergrund oder erinnern im opernhaften Seigfried an ein Guns’n’Roses-Computerspiel, das gegen die Streicher und den soften Sound ankämpft; als Pendant zu den rezitierten Zeilen des großen Songwriters Elliott Smith. Der einzige wirkliche Gastauftritt gehört André 3000: Auf Solo (Reprise) darf er wieder einmal sein ganzes Können durchblitzen lassen. Der Sound dazu ist verrückt und zerschossen, wie auch auf Pretty Sweet und Self Control schlägt er elektronische Haken, hat ein paar Jazz-Schnipsel oder Kinderchor-Momente und findet doch immer wieder zurück ins Pop-Muster. Die Synthie-Soundscapes von Skyline to klingen dagegen, als liefe man auf Wolken, als arbeite hier jemand an einer neuen Softness. Überhaupt: Müsste man den Sound auf einen Hashtag festlegen, so wäre dieser #soft.

Dabei ist der Stil nicht neu. Hier hallt Stevie Wonder durch, dort der bereits erwähnte R&B der 90er-Jahre, die Einflüsse abstrakter Elektroniksoundbastler, aber auch die R&B-Entwicklungen seit 2000 sind zu hören. Wäre es also falsch, von einem neuen Sound zu sprechen? Mitnichten. Natürlich findet sich auch hier das altbekannte Motiv des re-make und re-model wieder, aber der neu zusammengemixte Sound transportiert Themen, die in diesem musikalischen Kontext so noch nicht stattgefunden haben, in dieser Privatheit jenseits von Protzerei und Machismo. In dieser shufflehaften Uneindeutigkeit trifft das Album den Geist der Zeit, der Zwischen-Epoche. Und Geist ist in diesem Fall sogar mal wörtlich zu nehmen. Denn ein Gespenst lebt in genau diesem Zwischen, zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht: Es ist nicht präsent, aber doch sichtbar. Das ist prägendste Entwicklung dieser Epoche und für Mark Fisher der wichtigste Auslöser für eine Kultur des Zwischen. Es ermöglicht die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem an einem stets verfügbaren Ort. Anders gesagt: Wie wichtig ist das Entstehungsdatum eines Songs in einer Playlist? Gleichzeitig werden Erinnerungen und Verpasstes festgehalten, was zu einer Melancholie des Nicht-Erlebten führt, einem Secondhand-Erleben. Um dem reflexiv vorwegzugreifen, werden Störgeräusche und vermeintliche Soundfehler in Tracks eingebaut, die auf eine fehlerhafte Zeit hinweisen; eine Zeit, die aus den Fugen ist, wie Derrida es beschreibt.

Was das mit Frank Ocean zu tun hat? Er setzt auf diese Störgeräusche und Marker und fasst mit blond diesen Zeitgeist in ein Pop-Art-Kunstwerk: In all seiner Geisterhaftigkeit, Uneindeutigkeit, Gleichzeitigkeit, Fehlerhaftigkeit, Unaufgeregtheit und Schönheit.

III

Frank Ocean möchte die Menschen mit diesen Eigenschaften dazu zwingen, zuzuhören, und nicht nur auf Hooklines zu warten, um eskalieren zu können. blond ist damit auch der Versuch, Hörer daran zu erinnern, dass Kunst heißt, sich mit etwas zu beschäftigen und nicht nur schnell zu konsumieren. Dass Frank Ocean dieses Vorhaben mit einem veritablen Hype-Monstertrick eingeleitet hat, also digitale Beschleunigungsmechanismen nutzte, um im Refresh-Zeitgeist für genügend Aufmerksamkeit zu sorgen, ist die dritte große Inversion eines Albums, das man auch über die Jahresbestenlisten hinaus immer mal wieder entdecken wird. Ein Album, das musikalisches Cocooning als Folge einer Informationsüberhitzung betreibt.

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Wie Kanye West für Pablo hat auch Frank Ocean sehr lange an der Entstehung des Albums gearbeitet. Beide Alben haben dieses Prozesshafte nicht abgelegt. West macht es sogar zum Thema und erwähnte mehrfach, dass man Pablo als nicht abgeschlossen ansehen darf. Bleibt die Frage: Ist dieser Ansatz des ewigen Prozesses eine Option, aus dem Geist-Dilemma auszubrechen? Also nicht mehr nach Vorne oder nach Hinten, gestern oder morgen blicken zu müssen, sondern in einer möglichen ewigen Gegenwart zu stehen, an einem Ort, der Dank digitaler Mittel immer refreshbar ist? Ein Gespenst, das immer da und damit gewohnt ist, ist kein Gespenst im eigentlichen Sinne mehr, sondern eine neue Form der Norm. Auf blond, dem Meisterwerk mit dem Wolfgang Tillmans Cover, ist der Zwischen-Raum zum normalen Raum geworden.

 

 

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Webseite des Autors.
Gespenster meines Lebens von Mark Fisher.

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Dieser Beitrag wurde von der Redaktion veröffentlicht.

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