Positionen

Karte oder Gebiet

Aryanà Francesca Urbani, Fotografin und Graduate Researcher an der Sorbonne im Bereich Internationale Beziehungen, sammelt für ihr Projekt Imagined Borders Google Earth-Satellitenansichten von Staatsgrenzen. Dabei taucht einmal mehr die Frage auf: Was ist interessanter, Karte oder Gebiet? Der Berliner Fotograf Philippe Gerlach (*1982) stellt das Projekt vor.

In seinem Roman Karte und Gebiet (2010) beschreibt Michel Houellebecq ein Projekt des Protagonisten und Künstlers Jed Martin: Die Gegenüberstellung von bearbeiteten Michelin-Straßenkarten mit Satellitenaufnahmen der jeweiligen Region. Über die Werke von Jed Martin heißt es, sie seien »das Ergebnis einer kühlen, distanzierten Reflexion über den Zustand der Welt.«

Gibt es Bilder, die dazu in der Lage sind? Die Authentizität menschlicher Bilder wird schon lange hinterfragt, weil wir ahnen, dass sie maßgeblich gestellt, montiert und retuschiert werden. Satellitenbilder oder die Schnappschüsse der Streetview-Autos scheinen kredibiler zu sein, weil sie objektiver, neutraler oder sogar demokratischer anmuten. Und weil sie womöglich Distanz genug haben, um den Planeten als Ganzes abzubilden, bzw. um menschliche Neigungen auszublenden. Aber stimmt das?

Aryanà Francesca Urbani wurde im Iran geboren, wuchs in sechs verschiedenen Ländern auf (in Afrika und Asien) und ist italienische Staatsbürgerin. Auf Skype erzählt sie mir, die Idee von Staatsgrenzen habe für sie schon immer eine Absurdität dargestellt. Sie sei ihr ganzes Leben unterwegs gewesen und sich des Privilegs bewusst, dass wir fast ohne Hindernis quasi überallhin reisen können. Nationalität entstehe für sie durch das Schicksal einer Geburtslotterie. Deshalb dürfe niemand stigmatisiert bzw. benachteiligt werden.

Durch den simplen Vorgang, Grenzansichten von Google Earth zu screengrabben und zu vergleichen, ist sie auf starke visuelle Metaphern für das Paradoxon Staatsgrenze und seine Problematiken gestoßen. Die betreffen sowohl die Beschaffenheit der Karte als auch die Gebiete selbst. Wird hier die Welt abgebildet? Werden nationalpolitische Interessen und geopolitische Willkür sichtbar? Oder werden sie sogar nachgezeichnet?

Für den Beginn möchte ich drei Bilder kurz vorstellen:

 

United States of America [N] – Mexico [S], 2017, Aryanà Francesca Urbani/Google Earth


In diesem Bild scheint Google durch die Zusammenführung von zwei separaten Satellitenbildern die Staatsgrenze zu replizieren und sein eigenes Ziel von naturgetreuer Darstellung der Landschaft zu unterwandern.

 

United States of America [N] – Mexico [S], 2017, Aryanà Francesca Urbani/Google Earth


Dann wieder offenbaren sich starke Bestrebungen, die Grenzziehung durch konträre Architektur und Landschaftsnutzung realiter zu verstärken.

 

Mongolia [W] – Russia [E] – China [S], 2017, Aryanà Francesca Urbani/Google Earth


Hier legt sich die gleichsam unheimliche Fassung der gelben Demarkationslinie wie ein Fremdkörper über eine völlig gleichförmige Landschaft.

 

 

 

 

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Urbanis Projekt ist erst seit wenigen Wochen online und daher im Anfangsstadium, weshalb sie eine Facebook-Gruppe mit gleichem Namen ins Leben gerufen hat, in der sie zur Diskussion einlädt und relevante Artikel und Überlegungen teilt…

www.imaginedborders.com

Webseite von Aryana Francesca Urbani.

instagram.com/imaginedborders/

facebook.com/imaginedborders

Philippe Gerlach (*1982), lebt in Berlin.
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Dieser Beitrag wurde von der Redaktion veröffentlicht.

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