Positionen

Aufmerksamkeit, Fame oder Liebe?

Lauren Huret (*1984) lebt in Genf. Sie befasst sich mit Künstlicher Intelligenz und verschiedensten Metamorphosen des Internets. Wie wirkt sich dieses paranoia-entfachende, nicht greifbare Netzwerk auf unsere Gefühle und Gedanken aus? Und wie kann man ästhetisch damit umgehen? Im Interview spricht Lauren Huret über Kylie Jenners Snapchat-Accout, ihren Global Paranoia Poetry Club und eine Frankenstein-Selfie-Kultur.

[Englische Version]

LÜCKE Lauren, leben wir in strange days?

Lauren Huret Spontan würde ich sagen, ja! Aber ich bin auch beeinflusst. Ich habe gerade HyperNormalisation von Adam Curtis gesehen. Ständig bin ich online, permanent im Internet, um Nachrichten zu lesen; immer am Schauen, was in der Kunstwelt los ist, oder anderen Welten (in der Welt der Technologie beispielsweise). Meine Wahrnehmung ist stark bestimmt durch meinen intensiven Umgang mit dem Internet, egal ob aktiv oder passiv. Ständig klebe ich an meinem Computer. Ich halte mich in Kontexten, Systemen oder Strukturen auf, in denen ich irgendwann hängen geblieben bin, als ich älter wurde. All das lässt mich ja sagen, vor allem, weil ich irgendwie eine verdrehte Wahrnehmung habe und das Internet meine innere Paranoia fördert. Vor einem Jahr habe ich einen poetry club gestartet, der Global Paranoia Poetry Club heißt, weil ich das ganze Material, das es über Paranoia gibt, nutzen wollte; ich wollte es fruchtbar machen. Ich glaube, dass fast alles Sprache ist und Sprache ist »performativ« (Sprache initiiert Wahrnehmung, etc.). Täglich sammle ich Artikel, einzelne Wörter, Bilder und Videos, die ich überzogen, paranoid oder anmaßend finde und nutze sie als Material für meine Collagen. Während ich das Tag für Tag machte, begann ich mich für Gefühle zu interessieren, die durch das Internet ausgelöst werden und ganz besonders setze ich mich mit den Leuten auseinander, die das Internet von problematischen Inhalten reinigen (beispielsweise Hardcorepornos, Vergewaltigungen, Folterungen, Hinrichtungen, etc.). Für die sind die Tage sicher nicht strange, sondern grausam, niederträchtig und unmenschlich. Ich habe dazu eigentlich noch viel mehr zu sagen, aber ich belasse es erst mal dabei.

Mixed Feelings, digitale Collage, 2016

Mixed Feelings, 2016, digitale Collage

LÜCKE Was ist Paranoia für dich? Eine verwirrende, eigenmächtige Gewalt, die uns mit unsichtbaren Tentakeln überwacht? Oder der Verlust einer inneren Unabhängigkeit?

Lauren Huret Es gibt so viele verschiedene Arten von Paranoia! Ich spreche von einer Paranoia, die durch das Internet ausgelöst wird; das chaotische Gebiet des Post-Snowden, von Wikileaks, der NSA und der Geltungssucht. Eine ansteigende Überempfindlichkeit in unserem Blick auf die Welt. Ich versuche, zu vermeiden, dass man Bilder meines Gesichts im Internet finden kann, auch wenn ich weiß, dass es trotzdem welche gibt. Ich vertraue dem Internet eigentlich nicht. Ich poste meine Arbeiten nicht und auch keine Schlüsselinformationen zu mir. Das ist meine eigene Paranoia. Sie basiert auf allem, was wir nicht wissen; es ist eine Art Blackboxparanoia. Kürzlich habe ich eine Performance gemacht, gemeinsam mit dem amerikanischen Künstler Hunter Longe. Wir haben mit dem Effekt gearbeitet, wie es ist, von einer viel stärkeren Entität betrachtet zu werden. Die Anwesenden wurden von einer alten Künstlichen Intelligenz gescannt; ein Programm, das in den 1990ern verwendet wurde und mittlerweile nicht mehr genutzt wird. Die alte Künstliche Intelligenz ist langsam, irgendwie dumm und teilweise unfähig, aber sie hat eine rudimentäre Gesichtserkennung integriert. Ich verrate den Trick nicht, aber die Anwesenden erlebten, wie ihre Identitäten durch den Computer entschlüsselt wurden, mit Fakten und Informationen, die online über sie zu finden sind. In der Post-Snowden-Ära finden es die Menschen in Ordnung, von einem Computer erkannt zu werden. Die Resonanz auf unsere Enthüllungen war sehr positiv; vor ein paar Jahren hätte uns das vermutlich noch in Angst versetzt.

LÜCKE Vielleicht weil wir wissen, dass alles, wovor wir Angst hatten, wahr wurde oder wahr ist. Vielleicht befinden wir uns nicht mehr in der Post-Snowden-Ära, sondern in der Post-Paranoia-Ära. Kam das zu schnell? Teilweise fühlt sich die Gegenwart wie Science Fiction an, obwohl die Gegenwart nichts mit Science Fiction zu tun hat. Ist das Internet eine viel stärkere Entität als wir es sind?

Lauren Huret Ob es stärker ist, weiß ich nicht. Es gibt jetzt schon so viele Geschichten und Mythen, die um das Internet kursieren – und alle sind faszinierend. Es gibt die Tendenz, das Internet als unüberschaubaren Ozean zu bezeichnen, der seinen eigenen Willen hat (wie der Ozean in Solaris, dem berühmten Buch von Stanisław Lem). Für mich ist diese Metapher sehr wichtig. Ich habe eine Serie gemacht, mit fünf Videos, die Deep blue dream heißt. Es geht darum, im Bildschirm gefangen zu sein, sich langsam darin zu bewegen; es geht um Liquidität; darum, wie wir neue Technologien mit blauer Farbe verbinden und wie wir das Internet mit unendlichen Möglichkeiten gleichsetzen, als Technologie, die unendlich viele Entdeckungen möglich macht und so weiter. Diese Metaphern sind sehr brauchbar. Ich nutze sie, um Erzählungen, Wutausbrüche und kritische Phantasmen zu generieren. Beispielsweise sind die Ddos-Attacken (oder Tests, das wissen wir nicht) auf amerikanische Server ziemlich faszinierend: Die Spitze des Eisbergs eines Cyber-Krieges. Zerstöre die Rooter der DNS-Firma und du löst Doomsday aus. Um zurück zur Frage zu kommen: Das Internet ist so verknüpft mit unserer Wirtschaft und unseren alltäglichen Gewohnheiten, dass man es eigentlich als Partner betrachten kann, ohne den wir nicht mehr leben können. Ich wurde gleichzeitig mit dem Internet groß, also betrachte ich es als einen sehr großen, konturlosen Zwilling.

LÜCKE Was lässt dich dann so argwöhnisch werden? Die Art und Weise, wie dein konturloser Zwilling genutzt wird, von Regierungen, Geheimdiensten, GAFA, etc.?

Lauren Huret Als paranoide Person würde ich sagen, dass dieser konturlose Zwilling mittlerweile ein komplexes Schlachtfeld ist. Ich bin argwöhnisch, weil wir einfach nicht wissen können, was mit unseren persönlichen Daten passiert. Jedes Vertrauen ist verloren. Das ganze Netzwerk des Internets ist Big Brother. Aber andererseits sind wir ja irgendwie selbst Big Brother, oder? Ich poste nicht viel, weil ich sensibel bin, was die Wahrnehmung meiner Arbeiten angeht. Wenn man eine Webseite hat, Facebook, Instagram und so weiter, dann teilt man immerzu die eigenen Handlungen, die eigenen Kunstwerke, die eigenen Gedanken, politische Meinungen, etc. All das kreiert ein eigenartiges Abbild unserer selbst, das in der Vorstellung von anderen entsteht, die wir gar nicht kennen. Immer haben wir Meinungen zum Online-Verhalten anderer. Wenn irgendjemand beispielsweise ständig Bilder von sich postet, denke ich mir, dass diese Person Aufmerksamkeit, Fame oder Liebe braucht. Oder ich habe andere dämliche Gedanken. Deshalb finde ich Amalia Ulman so interessant. Ich glaube, es erfordert verdammt viel Mut, »sich selbst« so bloßzustellen. Dadurch enthüllt sie die falschen, idiotischen Online-Identitäten auf sehr dramatische Weise. Sie deckt den Hass auf, den jeder hat, irgendwo tief drinnen, und den das Internet zum Vorschein bringt. Aus historischer Perspektive sind wir gerade einfach nur ignorante Idioten.

 


LÜCKE
Glaubst du, dass Kunst die Menschen damit konfrontieren muss, was wirklich passiert? Muss Kunst bezüglich des Status Quo kritisch sein (gerade hast du Amalia Ulman und die Auswirkungen ihrer Internetperformances angesprochen, oder vorhin auch deine Überwachungs-Performance)? Gibt dir Kunst das Privileg, darüber nachzudenken, was wirklich passiert?

Lauren Huret Das kann ich nicht wirklich beantworten; ich bin mir noch nicht klar darüber, welche Rolle die Kunst einnimmt, oder die Künstler, vorausgesetzt, sie machen das überhaupt. Es gibt so viele Antworten wie Kontexte, schätze ich. Ich habe auch keine Idee, was Status Quo meint, obwohl ich nachgeschaut habe. Aber Kunst ist ein Privileg, in vielerlei Hinsicht. Was ich an Amalia Ulmans mag: Ihrem Werk liegt der Fakt zugrunde, dass das Internet nur eine weitere Schicht unserer Realität ist. Wir kaufen ihr ab, was sie macht. Ich habe vor kurzem einen Workshop an der Kunsthochschule Kassel gemacht, über Gefühle und das Internet; ein Student meinte, er hätte Angst, von extremen Diskursen eingenommen zu werden. Eine andere Studentin sprach von Imitation und Nachahmung, wenn sie online die Bilder anderer Frauen sehe. Diese Gefühle sind ans Medium Internet gekoppelt. Ich wollte den Studentinnen und Studenten ein paar Instrumente zeigen, mit denen sie ihre Verhaltensweisen und Gefühle reflektieren können, die sie im Internet haben oder die durch das Internet ausgelöst werden. Und was die Performance mit der Gesichtserkennungssoftware angeht, da haben wir die Anwesenden wohl wortwörtlich mit ihren eigenen Internet-Identitäten konfrontiert.

LÜCKE Na gut, aber wie wirken sich solche Gedanken auf ästhetische Entscheidungen aus? Oder auf deine generelle Einstellung Kunstwerken gegenüber? Sind deine Performances, Videos, Installationen, Collagen, Bücher, etc. verschiedene Experimente, die aus deinem Forschen, deinen Untersuchungen, Erkundungen und Beobachtungen heraus entstehen? Sind deine Arbeiten verschiedene Ableitungen (in verschiedenen Stadien) eines andauernden theoretischen Involviertseins?

Lauren Huret Genau das ist es. Künstlerische Arbeiten sind verschiedene Ableitungen eines andauernden theoretischen Involviertseins! Ich lese sehr viel und seit letztem Jahr nutze ich tatsächlich auch soziologische und anthropologische Methoden. Ich habe drei Jahre in der Forschungsabteilung der Kunsthochschule in Genf gearbeitet. Dabei habe ich sehr viel gelernt. Ich interviewe Menschen, formuliere Fragestellungen oder entwickle Tests. Dadurch wird mir ein ganz anderes Wissen zugänglich. Grundsätzlich bin ich daran interessiert, was Menschen denken. Ich möchte ihre verrücktesten, mystischsten und irrationalsten Gedanken kennen. Ich sammle all diese bizarren Daten und meine Methoden sind mehr oder weniger Parodien auf wissenschaftliche Methoden. Schwieriger ist es, aus diesem Material etwas zu kreieren, das begeistert und visuell interessant ist. Ich will nicht nur sagen: »Ich weiß etwas, das du auch wissen solltest«. Ich versuche, was das angeht, sehr sensibel und aufmerksam zu sein. Ich treibe mich an die Grenzen. Als letztes habe ich ein Video gemacht, für eine Ausstellung über Frankenstein und gotische Ästhetik. Wenn es um die Verbindung zwischen einem Monster wie Frankenstein und Künstlicher Intelligenz geht, dann denke ich an Snapchat und ähnliche Apps, die in ihrer Gesichtserkennungssoftware Künstliche Intelligenz nutzen. Die Software spielt mit uns, sie verwendet Masken und moduliert unsere Wahrnehmung. Ich bin fasziniert von Kylie Jenners Snapchat-Account. In meinem Video geht eine Frau durch ein Museum. Sie versucht, ihr Gesicht (also auch ihre Identität) auszutauschen, immer dann, wenn ein Bild oder eine Skulptur auftaucht, die vermutlich ein Gesicht hat. Sozusagen eine Frankenstein-Selfie-Kultur; und ich finde, dass das sehr beeindruckende und neue Beschreibungen unserer Gegenwart kreiert.

Ways of non-seing (artificial intelligence is hard to see), 15 Minuten, Video, beauftragt vom Musée d'art et d'histoire de Genève, 2016

Ways of non-seeing (artificial intelligence is hard to see), 2016, Video (in Auftrag gegeben vom Musée d’art et d’histoire de Genève), 15 Minuten, Screenshot

 

 

 

 

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Das Interview führte Joshua Groß.
Übersetzung Gert Röcken.
Alle Abbildungen © Lauren Huret.
Webseite der Künstlerin.

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Dieser Beitrag wurde von der Redaktion veröffentlicht.

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