Positionen

Die Wirklichkeit kennt keine Kompromisse

Martin Werthmann (*1982) ist ein »tüftelnder Kopfmensch«. Seine Holzschnitte sind überdimensional; außerdem hat er unter anderem eine Maschine gebaut, mit der sich Diamanten aus Ausatemluft herstellen lassen. Im Interview spricht der Bildhauer über ein omnipräsentes Lebensgefühl, gewisse Resonanzräume und beckett’schen Humor.

LÜCKE Magst du Blockbuster? Oder das Imposante?

Martin Werthmann Es geht mir weniger um den Blockbuster oder das Imposante, sondern mehr um den Raum. Ein kleines Bild und ein großes Bild erfordern grundlegend unterschiedliche Herangehensweisen, es sind eigentlich unterschiedliche Medien: Ein kleines Bild ist dem tatsächlichen Bild viel näher, wohingegen ein großes Bild eher einen Raum bildet. Große Bilder sind also der Installation viel näher als dem Bild.
In meinem Selbstverständnis bin ich mehr Bildhauer als Maler, auch wenn zweidimensionale Bilder entstehen. Der Prozess, in dem meine Bilder entstehen, ist ein skulpturaler Prozess: Der Holzschnitt, das Arrangieren der Bildelemente, letztendlich die Dimension der Bilder… Meine Bilder sind sozusagen Installationen.

Foam V, 2016, Holzschnitt, 200 x 154 cm

Foam V, 2016, Holzschnitt, 200 x 154 cm

LÜCKE In der L.A. Times wurden deine Holzschnitte beschrieben, als würden sie einen aufgewühlten Zustand von Verwirrung auslösen. Ich finde das sehr passend. Ist das ein Lebensgefühl, das du kennst?

Martin Werthmann Dem Aufgewühlten stimme ich zu, der Verwirrung nur in gewissem Maße. Ich würde die Dissonanz als Beschreibung bevorzugen – und das ist ein Lebensgefühl, das für jeden Menschen omnipräsent sein sollte. Wir leben zum ersten Mal in der Geschichte in einer Zeit, in der wir von allem, was in der Welt passiert, wissen können, und das in Echtzeit. Seien es Ereignisse oder Zusammenhänge. Dadurch sind wir gezwungen, unsere Wirklichkeit ins Verhältnis zu anderen Wirklichkeiten zu setzen.

LÜCKE Bist du ein Tüftler? Oder eher ein Kopfmensch? Deine tatsächlichen Installationen sind ja eigentlich funktionierende Maschinen

Martin Werthmann Die Frage ist etwas schwierig zu beantworten, weil ich denke, dass Künstler grundsätzlich tüftelnde Kopfmenschen sind. Aber wenn die Frage darauf abzielt, ob meine Arbeiten aus einem materiellen Prozess entstehen oder aus einem Gedanklichen, dann würde ich sagen: Es ist auf jeden Fall der Gedankliche! Meine Arbeiten sind meistens fast fertig geplant, bevor sie dann in echt umgesetzt werden. Allerdings sind gedankliche Prozesse oft vage. Bei der Ausführung gibt es einen gewissen Grad an Unvorhersehbarkeit, von dem ich lerne. Will man ein Kunstwerk aus der Vorstellung ins Material umsetzen, muss man sich sehr bewusst über Details sein. Ich sage immer, dass die Wirklichkeit keine Kompromisse kennt. Also: Entweder sind Dinge da oder nicht.

LÜCKE Was muss Kunst schaffen, um zeitgemäß zu sein?

Martin Werthmann Zeitgemäße Kunst ist nicht grundsätzlich zeitgenössische Kunst. Die Betrachtung der Geschichte hilft, denn Geschichte ist immer ein Filter. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass in den Dingen, mit denen wir uns heute noch beschäftigen obwohl ihre Entstehung hunderte oder tausende Jahre zurück liegt, immer eine archetypische Reflexion über das menschliche Dasein innewohnt. Wenn wir uns ein Bild von Rembrandt van Rijn ansehen, dann hat er es irgendwie geschafft, in seinen Figuren das ganze Drama der menschlichen Existenz einzufangen, man sieht in ihnen immer das ganze Spektrum von Freuden und Leiden; Hoffnung und Enttäuschung in allen Facetten. Das hat so viel mit uns als Menschen zu tun, dass wir davon lernen können, uns in unserem Dasein besser zu verstehen.

LÜCKE Willst du den Betrachter mit deinen Arbeiten aussetzen? Geht es bei dir ums Ausgesetztsein? Wenn man beispielsweise mitten im Wasserwirbel Vortex steht?

Martin Werthmann Ich will den Betrachter meinen Arbeiten aussetzen, denn das ist doch letztlich die Aufgabe der Kunst. Darüber wurde viel diskutiert, aber ich denke, eigentlich ist es ganz einfach: Die einzige Aufgabe, die Kunst hat, ist es, einen Resonanzraum mit dem Betrachter zu schaffen. Demnach kann alles Kunst sein, was in diesen Resonanzraum gestellt wird. Ob es gute Kunst oder schlechte Kunst ist, ist eine andere Debatte. Daher: Natürlich will ich den Betrachter meinen Arbeiten aussetzen.

LÜCKE Ist in der Katastrophe die Romantik immer schon angelegt?

Martin Werthmann Ich denke nicht, dass in der Katastrophe die Romantik grundsätzlich angelegt ist. Ich denke, dass in der Romantik der Zynismus weitestgehend übersehen wird. Nehmen wir einen populären Repräsentanten und ein bekanntes Bild: Der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich. Ich glaube, dass jeder, der die Komik des Bildes nicht erlebt, das Bild nicht verstanden hat.
Aber um zur Katastrophe zurück zu kommen: Sie interessiert mich, weil ich glaube, dass sie immer einen Moment der Klarheit hervorruft. Die Katastrophe richtet sich wie ein drastischer Spiegel auf das, worauf wir uns vorher verlassen haben. Die Katastrophe kann ein unglaublich bewusster Moment sein, der unsere Selbstverständlichkeiten aufdeckt. Zum Beispiel der Autounfall. Viele von uns fahren Auto, aber wir sind uns nicht bewusst, was wir da eigentlich machen: Wir beschleunigen zwei Tonnen Stahl auf 200 Km/h und mehr…Wenn es zum Unfall kommt, dann werden diese gigantischen Kräfte plötzlich erlebbar. Dieses relativ banale Beispiel lässt sich auf komplexe gesellschaftliche Ereignisse übertragen.

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Narathiwat III, 2015, Holzschnitt, 204 x 304 cm

LÜCKE Es schwingt aber auch Heiterkeit in deinen Arbeiten mit, oder zumindest Augenzwinkern. Als wären es Antworten auf einen kosmischen Witz. Ist Humor wichtig?

Martin Werthmann Ich finde, Humor ist sehr wichtig. Auch wenn Humor in meinen Arbeiten sehr nach Beckett kommt, der sich wohl am besten in seiner Aussage zusammenfassen lässt: »Wenn uns das Wasser bis zum Halse steht, dann sollten wir singen«. Ich betrachte Humor als ein Werkzeug, das dazu dient, einen Freiraum zu schaffen. Einen Freiraum für Herausforderungen, die unsere menschlichen Kapazitäten eigentlich übersteigen.

 

 

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Das Interview führte Joshua Groß.
Vom 28. September 2016 bis 5. November 2016 ist Martin Werthmanns Ausstellung Anhaltender Regen im Nürnberger Galerie- und Atelierhaus Defet zu sehen.
Hier geht’s zur Ausstellung.
Webseite des Künstlers.

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Dieser Beitrag wurde von der Redaktion veröffentlicht.

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