Positionen

Fakt und Fiktion zeugen die schönsten Kinder

2017 ist nicht das Jahr Luthers, sondern das Ovids, meint Tobias Roth (*1985). Trotz allem hat er 96 Thesen verfasst, in denen fundamentale Fragen zur Kunst gestellt werden, aber auch mentale Kapriolen vollführt, je nach dem. Pilz, Hoffnungshorizonte, Symbolismus und Radikalität. Wo sind wir? Wo gehen wir hin?

Martin Luther von Lucas Cranach der Ältere, 1528 (Bildausschnitt)

Martin Luther von Lucas Cranach d. Ä., 1528 (Bildausschnitt)

 

I. Aemulatio ist alles, sie bedarf des Größenwahns.

II. Mehr als 900 Thesen auf einmal sollte man nicht schreiben, denn die mystische Bedeutung der 900 besteht in der Rückkehr der Seele zu sich selbst in musischer Raserei (Pico an Benivieni, 12. 11. 1486).

III. 2016 – ein Pilzjahr.

IV. Ein runderneuerter Ablasshandel wäre eine feine Sache. (Ansätze dazu sind bereits rechtskräftig.)

V. Etwas wie der Petersdom müsste ihn aufwiegen.

VI. Wir könnten wieder etwas wie den Petersdom zustande bringen.

VII. Der Name Peter wäre nicht obligatorisch.

VIII. Francesco Petrarca ist groß, Pietro Bembo ist sein Prophet.

IX. Propheten, die eigentlich nur Jünger sind, sind das gefährlichste überhaupt.

X. Die Unkeuschheit muss sich ausdehnen.

XI. Reinheit ist kein Thema.

XII. Kirchglocken zu Pflugscharen.

XIII. Bilderverboten vorbeugen.

XIV. Herstellung von Hoffnungshorizonten im großen Stil.

XV. Das ästhetische Erlebnis ist ein Hoffnungshorizont.

XVI. Die Kunst muss das Firmament füllen und bespielen und zerspielen.

XVII. Die Kunst muss das Fundament füllen und bespielen und zerspielen.

XVIII. Wenn sie es nicht tut, tut es etwas Anderes, und das ist auch keine Lösung.

XIX. Aus Fundament und Firmament muss in Formen des Zusammenlebens hinübergespielt werden.

XX. Eine wichtige Aufgabe der Kunst in diesem Sinne ist es, den Menschen auf sich selbst zurückzuwerfen, und das bedeutet auch, dass sie ihm austreibt, sich auf Abstrakta und Kollektivsingulare hinauszureden. Es gibt nicht den Markt oder den Terror undsoweiter, sondern nur Menschen.

XXI. Dafür muss sich die Kunst hin und wieder mal zu klaren Ansagen bequemen.

XXII. Kunst und Tugend: Süße Mädels mit idiotischen Freunden. Aber wenn sie glücklich miteinander sind, ist doch alles in Butter.

XXIII. Wenn der Mensch auf sich zurückgeworfen ist, muss ihm zudem eingetrichtert werden, dass er gegen die Fortuna nur ein Würschtel ist.

XXIV. Das Studium der Antike führt zu Freiheit.

XXV. Eine Vielzahl Drogen muss legalisiert werden. Besonders jetzt, wo es wieder losgeht, dass römische Klassiker zensiert werden.

XXVI. Wenn wir den Kontakt zum Lateinischen verlieren, bleibt unser Vergangenheitsbezug auf das 19. Jahrhundert angewiesen. Der Gedanke ist unerträglich.

XXVII. Kunst hat einen Adressaten.

XXVIII. Der Adressat hat es verdient, nicht vom Torhüter abgekanzelt zu werden.

XXIX. Tonleiterübungen gehen das Publikum nichts an.

XXX. Kunst muss nicht nur im öffentlichen Raum stattfinden, sondern diesen zuallererst erzeugen.

XXXI. Die Natur verdient dein Herz nicht, wenn sie erröten muss vor deinen Hoffnungen.

XXXII. Ein Kunstwerk, das im Wald umfällt, während keiner zuhört, existiert nicht.

XXXIII. Kein Isolationismus; Isolation ist Schicksal, nicht Entscheidung.

XXXIV. Die Zauberflöte beglückt kleine Kinder und emeritierte Turboprofessoren. Da wurde ganz entschieden etwas richtig gemacht.

XXXV. Eine Botschaft welcher Art auch immer muss keine eineindeutige Schärfe aufweisen.

XXXVI. Eine Stellungnahme europäischer Kunst gegen Schwachsinn wie den IS hat eineindeutige Schärfe aufzuweisen.

XXXVII. Die Kunst muss auch Anderem eine Stimme leihen und mögen es Unholde sein.

XXXVIII. Davon ausgenommen sind sogenannte religiöse und sogenannt religiös motivierte Gruppierungen.

XXXIX. ECRLINF!

XL. Körperkultur und Geisteskultur.

XLI. Übersetzung ist Kerngeschäft.

XLII. Übersetzung auch innerhalb einer Sprache.

XLIII. Skordatur.

XLIV. Hin und wieder muss man einen Aufguss machen.

XLV. Der sogenannte Betrieb ist nicht anzuklagen; mithin, mit Wilhelm Müller, hoff auf keines Herren Hilfe gegen eines Herren Fron.

XLVI. Streik ist keine Lösung.

XLVII. Ironie ist nicht immer die Antwort.

XLVIII. Die Spirale der Selbstausbeutung wird von Produzenten angetrieben, nicht von Abnehmern. Bedanken wir uns bei Tintoretto.

XLIX. Solidargemeinschaften begründen und lebendig halten.

L. Wir müssen mehr schlafen.

LI. Burnout ist die Kriegsversehrtenverehrung der Leistungsgesellschaft und genauso schwachsinnig wie das Original.

LII. Auch das Hirn hat Fruchtfolgen. Auch seine vorübergehende Brache muss unter Aspekten der Kulturlandschaft subventioniert werden.

LIII. Die Bestimmer der sogenannten Fördertöpfe müssen sich deutlich machen, wie gut gewählt diese Metapher und wie existenziell das, was im Topf ist, ist.

LIV. Wenn der Kunst der Charakter der sogenannten anständigen Arbeit (das ist die mit dem Schweiß im Angesicht) abgesprochen wird, kann als Antwort nur ein Satz ergehen, der mit Deine Mutter beginnt.

LV. Kunst ist, wie der Mensch, Mauerbrüter.

LVI. Der Revolutionskalender ist bedenkenswert.

LVII. Man kann Nichtwissen schwer übelnehmen.

LVIII. Unkenntnis schadet.

LIX. Wissen muss geteilt werden.

LX. Vermittlung ist nicht Vorkauen, sondern Konfrontation.

LXI. Intellektualität besteht nicht im Nachweis, dass die anderen irgendwie schlechter denken.

LXII. Die besitzende Klasse muss sich mit Kunst schmücken wollen.

LXIII. Ihr ist beständig einzutrichtern, was es bedeutet, sich mit Kunst zu schmücken, und wie das geht.

LXIV. Einzutrichtern, dass Kunst kein Wiederverkaufswert ist.

LXV. Der Nachahmungstrieb, den die besitzende Klasse auf sich zieht, ist eine sichere Bank.

LXVI. Die Sammelleidenschaft des Künstlers ist größer als die des sogenannten Sammlers.

LXVII. Armut per se ist nicht nobel; aber man kann sie mit Noblesse ertragen.

LXVIII. Wahnsinn per se ist nicht nobel; aber man muss ihn nicht aufhalten.

LXIX. Als Michele de Montaigne Torquato Tasso im Irrenhaus besuchte, gab es noch keinen Campari.

LXX. Die Begeisterung, die sich im Begehren einstellt.

LXXI. Landläufige, aber auch städtische Vorstellungen vom Künstlertum gehören zu den weniger lustigen Platonismen.

LXXII. Wissenschaften als Fest behandeln. Türsteher ja, aber die allernettesten.

LXXIII. Was Kant über interesseloses Wohlgefallen sagt, ist auf Tanzveranstaltungen anzuwenden; um sie aufzumischen.

LXXIV. Giggal, Goggal, oben aufn Mist juuché!

LXXV. Die Schönheit des Menschen wurde nicht an einem Tag erbaut. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller. Sie wird laufend angetastet.

LXXVI. Juristische Texte, bis in die kleinsten Verordnungen, als Material künstlerischer Bearbeitung unterziehen, ist eine Form der Gewaltenkontrolle.

LXXVII. Der Fundus im Theater wird regelmäßig abverkauft.

LXXVIII. Lob ist nicht weniger komplex als Kritik.

LXXIX. Michail Ossipowitsch Eisensteins Wiedergänger muss die Leitung der allgemeinen Bauverwaltung übernehmen.

LXXX. Ornament ist keine vergeudete Arbeitskraft.

LXXXI. Stuck ist ein Weg zur Vollbeschäftigung.

LXXXII. Verschwendung ziemt sich.

LXXXIII. Schwung in die Kiste (Schwung Kiste Kiste Schwung).

LXXXIV. Passion ist keine Entschuldigung, wenn ein Jäger eine Kuh erschießt.

LXXXV. Der König von Korinth wälzt den Stein zu Berge, der Name des Berges ist vermutlich Geduld.

LXXXVI. Wir müssen ein schärferes Bewusstsein für Hybris entwickeln und entsprechend einlenken.

LXXXVII. Unser Bewusstsein für Hybris hatte bereits einen hohen Schärfegrad, mit ihm könnten wir nach heutigen Bedürfnissen einschneiden.

LXXXVIII. Die Vergangenheit ist noch nicht fertig mit uns. Das sollte auf Gegenseitigkeit beruhen.

LXXXIX. Der Rausch der Symbole ist ausgeschlafen, wenn der Kater des Wachstums verflogen ist.

XC. Im Anthropozän ist es wichtig, dass, wie Sean Paul, der Anti-Wunsiedler, sagt, lyrics provide electricity.

XCI. Ich lade die Marchesa Montetristo zu meinen Abendgesellschaften ein, das ist die Wahrheit.

XCII. Fakt und Fiktion zeugen die schönsten Kinder; nur darf die Mutterschaft nicht vergessen werden.

XCIII. Das Lächeln des Buddha, die Flucht des Casanova, die Rache des Odysseus: Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.

XCIV. Die Radikalität, mit der sich die Schwämme des Benthos den Meerschnee aneignen.

XCV. Wörter sind schon großartig.

XCVI. Wäre ich ein Graf von Mirandola, würde ich noch 806 Thesen mehr schreiben und zur öffentlichen Disputation unter persönlicher Übernahme aller Reise- und Aufenthaltskosten alle einladen, die da nur kommen wollen. Gerne wieder in Rom.

 

 

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Am 14.9.2016 liest Tobias Roth aus der Bayerischen Biergartenverordnung im Nürnberger Z-Bau. Hier geht’s zur Veranstaltung.

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Dieser Beitrag wurde von der Redaktion veröffentlicht.

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