Diskurs

Die Wahrheit schmerzt, sagen die Wüstenpflanzen

»Die Zukunft«, schreibt Gert Röcken (*1988) in einer Mail an die Redaktion, »ist gerade ziemlich verpixelt: Dabei könnten wir einfach Wüstenpflanzen werden, oder Quallen. Dann wäre die danger zone nicht mehr so ungemütlich.« LÜCKE präsentiert sein Essay über Selbstzerstörung und Sehnsüchte, sowie leicht verpixete Screenshots.

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Eigentlich versuche ich nur noch, Argumente zu entwickeln, die mich selbst nicht interessieren. Aus Toleranz oder Unfähigkeit heraus; Toleranz dem stagnierenden Denken gegenüber und Unfähigkeit, die ich selbst bin. Eigentlich aber: Do not compromise your desire. Das könnte man auch von Wüstenpflanzen sagen, die ein einziges, anhaltendes Schulterzucken angesichts eines postapokalyptischen Gleißens sind. Wüstenpflanzen werden nach dem Kollaps weiterexistieren. Wenn sich der Planet nicht mehr gegen die Verseuchung wehren kann und sich die Umweltverhältnisse endgültig extremisieren, werden sie trotz allem überleben. Sie sind stoisch, wie Visionen von atomarem Treibgut, sie erblühen herzzerreißend im beißenden Gelee zwischen lila Sandkörnern. Wüstenpflanzen sind immer schon ein Teil der Postapokalypse, sie sehen sie voraus, sie sind Wahnsinnige in den Wüsten, Wahrsager. Sie sind Einsiedler in der danger zone.

In der spätkapitalistischen Tobsucht sind wir unfähig, mit unseren Konzepten der Selbstzerstörung umzugehen, verstaubt, absorbiert mit versengenden Hirnen, gefangen in der Trap, die wir selbst erschaffen und die sich zusehends ausbreitet. Was uns umgibt, ist die danger zone. Sie pulsiert schon ganz mystisch. Erst wenn wir sie wahrnehmen, werden wir komplett auf uns selbst gestellt sein, ohne Zukunft überhaupt. Aber wir wollen sie noch nicht betreten, sturköpfig sträuben wir uns, und wir verkennen sie, schockgefrostet, ultraviolett, schillernd im Schwarzlicht der alltäglichen Hypnose.

Die Wahrheit schmerzt, die Freiheit schmerzt. Das hat, glaube ich, Žižek gesagt.

Auch Quallen sind wahnsinnig und fluoreszierend und kompromisslos in ihren Sehnsüchten, sie vermehren sich schon systematisch, weil die Meere immer ungemütlicher werden, und zwar, weil ihnen die Ungemütlichkeit nichts ausmacht. Die Meere werden zu Ghettos, ungefilterte Überforderung, sauerstoffarm, dreckig, trüb, brodelnd: there’s a war going on outside no man is safe from, you could run, but you can’t hide forever. Das flüstern sie, wie Mobb Deep, der Mob in der Tiefsee. Die Ozeane werden mutieren, bis sie genauso konsistent wie Lavalampen sind, aber es werden Polypen sein, die sich auf ihrem Grund formieren, und keine ästhetischen Strategien. Quallen: das bedeutet 500 Millionen Jahre Anmut, Guerillakrieg und rücksichtslose Piraterie des Schwarms. Wenn sich Cortázar fragte, warum tausende Fliegen eine Laterne umkreisen können, ohne dass ein einziger Kollateralschaden entsteht, dann frage ich mich, wie können tausende Quallen ein Schiff versenken, ohne voneinander zu wissen?

Quallen sind das Unbewusste des Weltgefüges…

Uns bleibt momentan nur, was der Spätkapitalismus zulässt: I’m trapped, in between two worlds, tryin’ to get dough. Einerseits müssen wir die niederdrückende Realität bewältigen, andererseits spüren wir eine Sehnsucht nach Veränderung. Wir versuchen, dazwischen nicht zu zerreißen, sondern die Dissonanzen auszuhalten. Wir bekämpfen die entsetzliche Mühsal der Bequemlichkeit, das hält uns von der mentalen Selbstvernichtung ab. Wir können nicht mehr realitätshörig sein, weil wir von den Wüstenpflanzen wissen, weil wir von den Quallen wissen. Wir hören eine andere Realität, eine schmerzhafte. Wir sehnen uns nach Science-Fiction, aber wir verstehen: Es gibt Leben in der danger zone, das uns ausschließt, es existiert bereits, es bedeutet, unsere Zukunft ist hier. Und wir sind vielleicht nicht die Zukunft, sondern lebende Kompromisse.

Wie lange wollen wir uns noch abhalten lassen?

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Screenshot Gert Röcken
Wüstenpflanze 2_Screenshot Gert Röcken
Wüstenpflanze 3_Screenshot Gert Röcken
Wüstenpflanze 4_Screenshot Gert Röcken
Wüstenpflanze 5_Screenshot Gert Röcken
Wüstenpflanze 8_Screenshot Gert Röcken
Wüstenpflanze 9_Screenshot Gert Röcken
Wüstenpflanze 10_Screenshot Gert Röcken
Wüstenpflanze 11_Screenshot Gert Röcken

 

 

 

 

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Alle Abbildungen © Gert Röcken.

Gert Röcken lebt in Durham, North Carolina. Studium der vergleichenden Kulturwissenschaften in Berlin. Arbeitet als freier Journalist und Übersetzer für verschiedene Magazine.

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Dieser Beitrag wurde von der Redaktion veröffentlicht.

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