Diskurs

Was ist ständig näher als du denkst?

Es ist die derzeit wohl größte Ausstellung zu Science-Fiction. Unter dem Motto Into the Unknown lädt das Barbican Centre in London zu einer Reise durch das Genre ein. Moritz Müller-Schwefe (*1990) war dort.


Der Zeitpunkt für die Ausstellung scheint ideal. »We live in a world of science fiction«, schreibt der Schweizer Co-Kurator Patrick Gyger auf den ersten Seiten des Ausstellungskatalogs. Und er hat recht. Fühlt sich doch das, was wir momentan erleben, nur allzu oft nach Science-Fiction an. Zucken wir doch regelmäßig zusammen, wenn wir feststellen, dass wir etwas für Zukunftsvision gehalten haben, das bereits Wirklichkeit geworden ist. Immer greifbarer wird derzeit etwas, das die Soziologen einen cultural lag nennen würden. Der immer schneller werdende technologische Fortschritt schafft Tatsachen, über deren kulturelle und gesellschaftliche Konsequenzen erst nachgedacht werden muss. Und das in wichtigen, gleichzeitig aber zwangsläufig langwierigen Debatten; Debatten, zu denen natürlich auch die Kunst beiträgt. Denn auch in der Kunst, in Film und Literatur ist die gegenwärtige Asymmetrie zwischen gelebter Kulturgeschichte und technologischem Fortschritt längst Thema. Serien wie Black Mirror oder Westworld loten aus, was es heißt, Mensch zu sein, in einer denkbar unmenschlichen, weil durchrationalisierten und in jeder Hinsicht kontrollierten Zukunft. Autorinnen und Autoren wie Anja Kümmel, Jochen Beyse oder Philipp Schönthaler beschreiben in ihren Texten beunruhigende, weil in Teilen bereits reale, Szenarien des Kommenden. Die voranschreitende Entmündigung des Individuums durch die Maschinen, die Herrschaft der totalen Überwachung, der Algorithmen und Big Data: Es liegt auf der Hand, warum sich immer mehr Künstlerinnen und Künstler der Science-Fiction zuwenden. Und so erfährt das Genre seit einiger Zeit eine ungewohnt starke, ungewohnt breite öffentliche Aufmerksamkeit.

Vielleicht ist auch deswegen aus dem Barbican in diesen Tagen eine »world of science fiction« geworden. Auf zwei Stockwerken – in der Curve, dem Pit und einem improvisierten Kleinkino – sind unzählige Bücher, Skizzen und Stills, Requisiten, Installationen und Filme zu sehen. Die Reise durch die Science-Fiction beginnt dabei mit einem Blick zurück. In der Curve, einem langen verdunkelten Tunnel, stößt man auf die Klassiker, aber auch auf die jüngsten Highlights der Science-Fiction. Hier kann man einen Blick auf die akkurat illustrierten Manuskripte Jules Vernes werfen oder auf die Skizzen und Modelle der Stop-Motion-Legende Roy Harryhausen. Man bekommt Filmrequisiten wie Matt Damons Raumanzug aus The Martian zu sehen oder das Miniatur-Model des Snow Speeders aus Star Wars.

Dass man sich dabei leider auf keins dieser Dinge so richtig konzentrieren kann, liegt schlicht an der Fülle der Objekte, denen man sich in der engen Curve gegenübersieht. Hier die geloopte Sequenz aus Jurassic Park oder Highrise, dort das maßstabsgetreue Modell des Alien; hier ein paar Seiten aus sowjetischen Science-Fiction-Comics, dort der Glaskasten voller legendärer Genre-Romane. Der überwältigende »Sense of Wonder«, den Gyger in seinem Text zur Ausstellung noch beschwört und den die Science-Fiction im Idealfall in den BetrachterInnen und LeserInnen freizusetzen vermag, weicht beim Anblick dieses retrospektiven Sammelsuriums leider oft einem Gefühl der Überforderung. Da hilft auch die Unterteilung dieses ersten Teils der Ausstellung in vier schlüssige Kapitel nicht. Immerhin – hat man sich einmal in ein Objekt, eine Bildfolge oder einen Film vertieft und die nahen Screens und Sounds einigermaßen erfolgreich ausgeblendet, spürt man die Faszination des Genres sofort. Da ist zum Beispiel die spannende Videocollage vom Künstlerduo Soda_Jerk, die Musikvideos von Kraftwerk, Sun-Ra, OutKast und anderen mit u.a. Bildern der Mondlandung verbindet, und die immer noch ungewohnt arrivalhaft-freundliche, weil hier musikalische, Kontaktaufnahme der Menschheit mit Außerirdischen zeigt. Da sind die Sammelkarten aus den Zigarettenpackungen der 60er-Jahre mit Motiven der Science-Fiction, die die Raucherpause regelmäßig zum Space- oder Zukunftstrip gemacht haben müssen. Da findet man auch die großformatigen Werbeanzeigen der damals offensichtlich noch um einiges zukunftsverrückteren Industrie aus der Zeit des space race, in der der Fortschrittsglaube noch so heilig wie alternativlos war, und vor allem unmittelbar verknüpft mit den angeblichen Vorzügen des Kapitalismus.

Und so stolpert man Kapitel um Kapitel durch diese Londoner Wunderkammer der Science-Fiction. So rekapituliert man die Historie des Genres und macht sich zuletzt auch mit dem state of the art vertraut. Ist das Ende der Curve erreicht, scheint die Grundlagenforschung abgeschlossen. – Und jetzt? VR-Brillen und hypersensorische Anzüge? Wie sieht die Zukunft der Science-Fiction aus? Neugierig schlüpft man aus der Tunnelöffnung. Noch halb benommen von der Fülle der Eindrücke, schleicht man durch die Gänge und Glastüren des inzwischen zweifellos raumschiffartigen, dunklen Barbican.

Zwei Stockwerke unter der Curve, im Pit, wird man von pink uniformierten Museums-Mitarbeiterinnen in Empfang genommen und in Richtung einer ominösen Area 5 begleitet. In einem erneut verdunkelten Raum hebt und senkt und schwenkt ein Roboterarm eine Glühbirne, deren Licht auf rundherum aufgehängte, jeweils unterschiedlich gestanzte, weiße Papierbahnen fällt. Conrad Shawcross’ Installation, heißt es auf einem kleinen Schild neben dem Eingang, verbinde Mystik mit Technik, Stonehenge mit Maschinenzeitalter. Ein vielversprechender Gedanke. Immerhin liegt die Rückkehr des Spirituellen, der Romantik und der Fantasie angesichts einer immer technischeren, immer rationaleren Gegenwart und Zukunft nahe. Über die bloße Abbildung des zwangsläufig eigenartigen, materiellen Kontrasts von Archaik und Maschinenzeitalter aber scheint Shawcross’ etwas plump wirkende Arbeit leider nicht hinaus zu kommen.

Etwas enttäuscht verlässt man diesen zweiten Teil der Ausstellung. Gleich aber wird man wieder durch das halbe Museum und zurück ins Erdgeschoss geschickt. Hier wurde ein kleines Kino eingerichtet, in dem ein Kurzfilm der in London lebenden, palästinensischen Künstlerin Larissa Sansour gezeigt wird. In the future they ate from the finest porcelain erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus einer nahen dystopischen Zukunft, die sich der sogenannten »narrative resistance group« angeschlossen hat. Mit Hilfe von Fake-Porzellan, das durch Bestrahlung auf ein gewünschtes Alter gebracht und anschließend in einem bestimmten Areal vergraben wird, versucht die Gruppe, die Existenz fiktiver Zivilisationen in die Weltgeschichte zu implantieren. Zivilisationen, denen durch die Entdeckung der Artefakte ein Anrecht auf das entsprechende Gebiet zufiele. Die Aktionen ihrer »narrative resistance group« beschreibt die junge Frau als »historical interventions«. Mit ihnen, bemerkt die Kuratorin Laura Clarke in ihrem lesenswerten Essay Science Fiction as Resistance, der dem Ausstellungskatalog beigefügt ist, soll Geschichte als das entlarvt werden, was sie allzu oft ist: Fiktion. Noch dazu meist diejenige der, erinnert man sich an Benjamins Aufsatz Über den Begriff der Geschichte, jeweiligen herrschenden Klasse. Besonders vor seinem, vor allem in Hinsicht auf die Lage in und um das Heimatland der Künstlerin, politischen Hintergrund ist Sansours Kurzfilm bemerkenswert. Man denke nur an die umstrittenen israelischen Grabungen am Tempelberg in Jerusalem. In the future they ate from the finest porcelain ist damit der unerwartet starke Schlusspunkt einer insgesamt doch eher durchwachsenen Ausstellung. Zeichnet er sich doch durch eine der großen und gerade heute wichtigen Stärken der Science-Fiction aus: Durch das radikale Hinterfragen von zu oft als gegeben hingenommenen Narrativen am konkreten Beispiel einer wahrscheinlichen Zukunft.

 

 

 

 

 

*****

Alle Abbildungen © Moritz Müller-Schwefe.

Webseite der Ausstellung.

Moritz Müller-Schwefe lebt in Berlin. Seit 2013 ist er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift metamorphosen; seit 2015 Mitherausgeber der SuKuLTuR-Reihe Schöner Lesen.

Article written by:

Dieser Beitrag wurde von der Redaktion veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

x